Woyzeck oder ein Herz für Arschlöcher

Das Bühnenbild ist ein variables Spielsystem und erinnert mit seinen Luken an eine Häuserfront, eine Spieldose, eine Anschlagtafel, eine Puppenbühne, ein Lotteriespiel, ein Fernsehquiz, ein flexibles Fenster-
system. Die Figuren haben sich auf der Bühne ein System errichtet. Ein großes Spiel mit primitiven, aber wirkungsvollen Regeln.
Die Inszenierung ist ein Stück über derbe Gestalten. Über Unsympathische. Über Sex und crime. Wir betrachten die Menschen von außen, kommen ihnen nur selten nahe. Ansonsten sehen wir Spießer, geschwätzige Nachbarn, hinterhältige Freunde, wissenschaftsgeile Ärzte, Antisemiten. Als Arschloch unter Arschlöchern gut getarnt. Nur Woyzeck hat den Trick, der zum Überlegen nötig ist, nicht ganz raus. Pech gehabt. Aber besser als die andern ist er deshalb nicht. Er ist ein ewiger Motzer über die Verhältnisse, spießig, hat Artikulationsschwierigkeiten, ist ein Alki und aggressiv. Natürlich auch ein armer Kerl. Er wird gemobbt, bis aufs Blut gereizt. Hat er als erster geschlagen oder schlägt er zurück? Ein unsympathisches Opfer, leider nicht schwach und mitleidserregend wie wir ihn gerne hätten. Wie groß ist unser Herz für Arschlöcher?
Waren dies Typen aus den Schlagzeilen schon immer so: als Babies richtig üble Kotzbrocken, die ihre Mütter tyrannisiert haben? Wann und durch wen sind sie zu Mördern geworden? Hätten sie selbst Einfluss darauf gehabt, es besser zu machen? Eine schwierige Frage. Wer darf sich anmuten, moralische Urteile über andere zu fällen? Ist Moral nicht etwas für jene, die es sich leisten können? Das findet Woyzeck auch: „Wenn ich ein Herr wär und hätt ein Hut und eine Uhr und eine anglaise und könnt vornehm reden, ich wollt schon tugendhaft sein. Es muss was Schöns seyn um die Tugend.“ Aber nutzen tuts ihm nicht.


Premiere im November 2004 / Hildesheim

Regie und Produktion: Miriam Tscholl
Raum/Kostüm: Nicola Schmid
Regieassistenz: Elisabeth Trümner
Es spielen: Thorsten Bihegue, Arnd Heuwinkel, Dörte Finke, Ulrike Idel, Julia Roesler, Barbara Schmid, Dorle Trachternach, Sophia Wiesmach

Eine Koproduktion zwischen WERKGRUPPE 1 und dem Stadttheater Hildesheim

Presseauszüge

„Das ist starker Tobak, der zwar stellenweise etwas über das Ziel hinausschießt, insgesamt aber einen starken Eindruck hinterlässt: Dass dieser Woyzeck der Mörder seiner Geliebten wird, wundert am Ende niemanden mehr. Die alte Frage, welche Fassung des nur in Fragmenten existierenden Büchner- Dramas aus dem 19. Jahrhundert zu wählen sei, haben die Studenten und Uni-Absolventen unter der Regie von Miriam Tscholl umgangen: Alle Handlungs- und Zeitebenen werden parallel gespielt beziehungsweise zu einer einzigen verdichtet – eine plausible Lösung des Problems, keine stimmige Spielvorlage zu besitzen. Dabei hilft das graue Bühnenbild, das lediglich aus einer funktional- nüchternen Klappenwand besteht.“
Aus: „Drastische Bilder, komprimierte Zeit“ Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 27. November 2004

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